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Fröhlich „Reigschmeckt“

„Et von do“ war der trockene Kommentar. Diese Worte sagte der Älbler, den ich nach dem Weg gefragt hatte, nicht zu mir, sondern zu seinem Kumpel. Mit einem Kopfschütteln. Fast mitleidsvoll. Dabei hatte ich ganze zwei Jahrzehnte Leben im Schwabenland auf dem Buckel. Wenn jemand „von do“ wäre, dann doch ich. In dieser langen Zeit hatte ich allerdings etwas Wichtiges entdeckt. Im Ländle „reigschmeckt“ – also „et von do“ zu sein – ist eine Klasse für sich. Eine privilegierte Subkultur, die ihre eigenen Spielregeln und Eigenheiten hat.

Irgendwo „reigschmeckt“ war ich ohnehin schon immer gewesen. Ich hatte keine Wahl. Deutsche Flüchtlinge auf der mütterlichen, britische Migranten auf der väterlichen Seite: reigschmeckter geht es nicht. Man kann daraus eine Identitätskrise machen – oder ein Abenteuer.

Das waschechte Schwabensein kann nicht gelernt werden. Entweder wird es als Gesamtpaket mit „der Muddermilch“ aufgenommen, oder, wenn man nicht in diesen Genuss kam, gibt man sich frohen Gemütes mit dem ewigen Zaungast-Status ab. Und erfährt dabei, dass es mehr Spaß macht, Zaungast im Ländle zu sein, als irgendwo anders in der Welt einheimisch zu sein. Nicht in jede Kultur darf man als „Import“ aus der Ferne so freizügig „reischmecka“ wie bei den Schwaben. Oft vergesse ich aus Versehen, dass ich keine von ihnen bin. Meine engsten Freunde sind Schwaben. Die Frauen, mit denen ich telefoniere wenn mir was fehlt, sind fast alle Schwäbinnen. Ich heule mich auf schwäbischen Schultern aus wenn ich Kummer habe.

Wenn ich nach einer Reise nach Reutlingen zurückkehre, suchen meine Augen instinktiv nach der Kuppel der Achalm am Horizont. Erleichterung steigt in mir hoch – endlich Heimat. Spätzle, Sauerkraut und das Viertele lassen grüßen. Die saubersten Treppenhäuser der Welt. Es kann aufgeatmet werden. Man ist wieder geerdet.

Welch ein Glück, auf diesem sauber gefegten Fleck Erde leben zu dürfen.

Nicola Vollkommer Reutlingen September 2015

Categories:   Allgemein, Stadtgeflüster

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